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Jugendarbeit: Konzept & Projekte 2009-2014

Bunker Ulmenwall – Club für Jazz, Pop- und Jugendkultur

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Vorangehende Reflektion

Der Ort Bunker Ulmenwall steht in ständiger Auseinandersetzung mit dem Begriff „Jazz“ und seinem Verhältnis zur Jugendkultur. Was verknüpfen wir heute mit dem Begriff „Jazz“? Je nach Altersgruppe werden wir unterschiedliche Assoziationen erfahren, die in ihrer Summe den Begriff noch weniger greifbar machen. Der Bunker Ulmenwall e.V. sieht Jazz als Chance und Möglichkeit zum Entdecken neuer und unterschiedlicher Musikwelten. Jazz steht für die Weiterentwicklung von bestehenden musikalischen Formen, für unkonventionelle Musik und die Einbindung von verschiedenen kulturellen Traditionen, für Toleranz und Vielfältigkeit. Jazz ist eine Musikform, die oftmals nur noch lose mit dem traditionellen Begriff verbunden ist und seit jeher einen großen Einfluss auf Rock, Pop, Hip Hop oder elektronische Musik hat bzw. deren Entstehungen und Entwicklungen gefördert und beeinflusst hat.

Offenheit gegenüber dem musikalischen Abseitigen unter Berücksichtigung seiner Wirkung und Reaktion im pop- und gesamtkulturellen Kontext. Diese Formel trifft den Kern des heutigen künstlerischen Profils vom Bunker Ulmenwall am ehesten.

 

Image, Konzeptanriss, Arbeitsbereiche

Vorherrschende Imageprobleme von Jazz, unterschiedliche Begriffswahrnehmungen und zunehmende Identifikationsschwierigkeiten für potenzielle junge Konsumenten stehen u.a. stellvertretend für die heutige Distanz zwischen Jazz & Jugendkultur. Junge Leute setzen sich heutzutage wenig mit Jazz auseinander.
Fehlende oder einseitige Behandlung im Schulunterricht sowie mangelnde Fassbarkeit für die Jugend in popkulturellen Medien verringern u.a. die Möglichkeit sich früh auf Jazz einzulassen und tragen zur Entwicklung des Jazz zu einem stetig größer werdenden Minderheitenphänomen bei. Oftmals steht der Vorwurf, Jazz sei „elitäre Nischenkultur“, im Raum. Der Bunker Ulmenwall entzieht sich einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen nicht. Er möchte besonders bei jungen Menschen nicht nur ihre jugend- und popkulturellen Vorlieben aufgreifen, sondern auch Interesse, Offenheit und Spaß an neuen, fremden oder bisher einfach nicht gekannten Musikwelten wecken. Sie sollen die Option haben diese früh für sich zu entdecken und auseinanderzusetzen, daran teilzuhaben, sie zu reflektieren und selbst darin aktiv zu wirken. Diese Mischung aus ästhetischem Bildungsansatz, Lernmöglichkeiten über Musik bzw. deren Erlernmöglichkeiten durch musikalische Praxis sowie die Möglichkeit für junge Leute ihre eigene „Kultur“ im Rahmen der inhaltlichen Konzeption zu veranstalten oder zu inszenieren spiegelt sich in drei Arbeitsbereichen im Bunker Ulmenwall wider: Kulturelles Veranstaltungsprogramm, musikpädagogisches Angebot und mobiles Jugendprojektangebot.

 

Wahrnehmung als Kulturveranstaltungsort

Dabei wird der Bunker Ulmenwall in der Öffentlichkeit vorwiegend als Kultureinrichtung mit verschiedenen Veranstaltungsformaten wie Konzerten, Lesungen, Poetry Slams, Musiksessions und gelegentlichen Partys wahrgenommen. Während alteingesessene Bielefelder oftmals noch die Puppenspiele mit dem Bunker verbinden und sich ältere Semester an legendäre Jazzkonzerte erinnern, verbinden jüngere Besucher die Bunkerslams oder das letzte „Zwischen Torte und Tatort“-Sonntagsmatineekonzert mit der Einrichtung. Aber auch die ehemalige unschein-BAR-Reihe mit lokalen und überregionalen Musikbands, deren nachfolgene Dienstag-unten- Konzertreihe das Format stilistisch zwischen Jazz- und seiner Randbereiche u.a. zu Soul, Pop, Rock, Hip Hop oder Elektronik weiterführt, ist vielen Leuten bekannt. Je nach Altersgruppe bekommt man auch hier eine unterschiedliche Assoziation mit dem Bunker geliefert. Die heterogene Wahrnehmung des Veranstaltungsprogramms ist charakteristisch für das Profil des Bunkers. Das hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert.

Klientel, Künstler, Veranstalter

Fernab vom kommerziellen Angebot einiger anderer Einrichtungen in Bielefeld bedient der Bunker eine generationenübergreifende Besucherklientel mit Interesse an Musik und Kultur jenseits des Mainstreams. Jazz mischt sich mit Indiepop, Singer/Songwriter oder Elektronik- Konzerten. Dafür sorgen aber nicht nur der Verein, sondern auch seine unterschiedlichen Kooperationspartner und hausinterne Initiativen. Vibra-Agency, Popsecret, Newtone, Auftakt, Draußen Nur Kännchen, das Kulturamt der Stadt Bielefeld oder der Electric Ulmenwall tragen u.a. ihren wichtigen Teil zum abwechslungsreichen Programm bei.

Etablierte Künstler wie der Nachwuchs benötigen den überschaubaren Kellerclub für die Präsentation ihrer neuen oder ersten Ideen. Die Reihe Soundz of the City bietet z.B. lokalen Nachwuchsbands aus den Bereichen Rock, Pop, Hardcore und Metal oftmals ein erstes Auftrittsforum.

Künstler mit einer unkonventionellen oder experimentellen Herangehensweise finden leider immer seltener einen geeigneten Auftrittsort für ihre Musik. Im Bunker ist diese für manch einen Besucher oftmals ein weiterer Augen- und Ohrenöffner. Verhandlungen über Musik, ihre Kommunikation und der Austausch unter Interessierten und zwischen Besuchern und Musikern sind dabei genauso wichtig.

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Sessions

Die professionell angeleiteten Sessionformate aus den Bereichen Jazz, Groove, Vocal, Free’n’Impro oder Rookie tragen neben einem ebenso intensiven kommunikativen Austausch auch zur Formung des künstlerischen Profils angehender Musiker bei. Dieses erfüllt auch der schon mehrmals durchgeführte Freispiel-Workshop in Kooperation mit dem Landesmusikrat NRW, der eine Gruppe von Mädchen und jungen Frauen Technik und Herangehensweise an improvisierter Musik näher bringt.

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Poetry Slam, Electric Ulmenwall

Junge Menschen mit inhaltlich passenden Ideen werden bei der Umsetzung ihrer Veranstaltungsidee unterstützt und begleitet. Bestes Beispiel hierfür ist die Gruppe der Poetry Slammer, deren Format nun schon jahrelang erfolgreich im Bunker läuft und inzwischen um einen Singer/ Songwriter Slam erweitert worden ist. Ein neues Beispiel stellt die Gruppe Electric Ulmenwall dar. Ihre Protagonisten setzen sich inhaltlich mit der Verknüpfung von Jazz, Elektronik und Kunst auseinander und bieten themenorientierte Musikworkshops an.

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Jugendprojekte

Das mobile Musikprojektangebot für Kinder und Jugendliche für das gesamte Bielefelder Stadtgebiet bildet einen wichtigen Schwerpunkt in der Arbeit des Bunker Ulmenwall. Seine Musikpädagogen gehen dabei in die Bielefelder Stadtteile um in Kooperation mit Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit mit Kindern und Jugendlichen direkt vor Ort zu arbeiten.
Die größtenteils niedrigschwellig angesiedelten Workshops mit zum Teil unkonventionellen Themenansätzen sollen bei den Teilnehmenden Interesse für Musik und Kultur wecken.

 

Get Grooved

Das von 2006 bis 2009 jährliche stattfindende Jugendmusikprojekt Get Grooved! unterstützte Jugendliche mit geringer oder keiner musikalischer Vorbildung ihr eigenes Programm auf die Bühne zu bringen. Zwischen 11-20 Kids aus Bielefelder Jugendzentren und betreuten Wohngruppen konnten in einer 2wöchigen Probephase ihr kreatives Potenzial entdecken. Begleitet von Musik- und Theaterpädagogen entwickelten die Teilnehmenden in einem konstruktiven Miteinander eigene Ideen und setzte diese in Tanz- Musik- oder Theaterperformances um.

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Growing Underground

Zwischen 2009 und 2012 fanden weitere spannende Projekte statt, die die Jugendlichen mit unterschiedlichen Musikformen und Methoden bekannt machte. Darunter der Workshop Growing Underground, in dem die 11-14jährigen aus
der Stadtteileinrichtung Hellingskamp und der Wohngruppe Wertherstraße mit Hilfe von eigens aufgenommenen Ton- und Videoaufnahmen Kurzfilme und Tondokumete zum Thema „Wachsen“ am Filmschnitt- und Soundpult bei Kanal 21 erschufen. Das Resultat war überraschend, experimentell und grenzenlos kreativ (inkl. einem Rapsong über das „Wachsen“).

 

„Mittelfinger seh’n“

In einer regionalen Kooperation mit dem Haus der Jugend in Steinhagen engagierten sich 20 Jugendliche aus Bielefeld und Steinhagen in mehreren themenbezogenen Workshops von Beatwerkstatt bis Tanz & Kochen. Die Teilnehmenden des Graffiti-Workshops sorgten unter professioneller Anleitung eines Szene-Sprayers für den neuen Fassadenanstrich des Bunkers rund um die Eingangstreppe. Zusammenmit dem Posaunisten Paul Hubweber und dem japanischen DJ Sniff wurden die Ergebnisse der Beatwerkstatt aufgeführt.

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Der wilde ungezähmte Chor

Ein besonderes wie zuvor unbekanntes Erlebnis bot sich den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern der Gertrud-Bäumer-Schule, die zusammen mit dem englischen Gesangstrainer Phil Minton besonders „komische“ wie „absurde“ vokale Geräusche von sich geben durften und in einem „Wilden, Ungezähmten Chor“ zusammen mit insgesamt 40 Nichtsängerinnen und Nichtsängern, die sich u.a. aus Mitgliedern der Knebel-Chöre rekrutierten, in der Neustädter Marienkirche ihren ersten Konzertauftritt mit Bravour absolvierten.

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Fanfare de la Touffe

In der Fanfare de La Touffe wurden knapp 50 Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse der Gesamtschule Stieghorst unter der Anleitung des Bunker Ulmenwall und den französischen Improvisationsmusikern Fabrice Charles, Michel Donéda & Le Quan
Ninh zur interaktiven BrassBand.

Keine/r der Teilnehmenden hatte je zuvor ein Blasinstrument am Mund gehabt. Mit einem verblüffenden Erlebnis verlief die musikalische Parade durch Bielefelds Altstadt. Buchstäblich mit Pauken und Trompeten schmetterte die Fanfare de La Touffe den Passanten ein sensationelles Klangerlebnis entgegen.

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Beatwerkstatt Alltagsgeräusche

Ende 2012 durften die Stieghorster Schüler wieder ran. Aufgenommene Alltagsgeräuschen von Autos, Tafelkratzen oder einer Toilettenspülung wurden zum elektronischen Beat am Computer umprogrammiert.

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Youngagement

Von 2009 bis 2014 nahm der Bunker Ulmenwall zudem am Youngagement-Programm der Bielefelder Freiwilligenagentur statt und bot Jugendlichen Einblicke in die Veranstaltungsorganisation.

 

Performing Pop

Im Projekt Performing Pop schafften Studierende des Studiengangs Populäre Musik und Medien der Universität Paderborn zusammen mit dem Bunker Ulmenwall einen Transfer zwischen Theorie und Praxis in Form einer jährlichen Veranstaltungsreihe und ihrer wissenschaftlichen Begleitung. Die Studierenden organisieren dabei Konzerte, Lesungen und Workshops und stellten diese in jeweils sich ändernde popkulturelle Kontexte.

Text: Carsten Nolte